Kürzlich ist das neue Buch “Click – How to make what people want” von Jake Knapp erschienen. Der Besteller-Autor von “Sprint – Solve big problems and test new ideas in just 5 days” (dem Buch, das den Design Sprint populär gemacht hat) legt damit ca. acht Jahre später ein neues Werk vor. Da sind wir natürlich super gespannt, was es da zu lesen gibt. Hier meine Einschätzung.
Blicken wir zunächst zurück auf den Design Sprint
In Workshops und Sprints arbeiten Unternehmen gerne mit etablierten Formaten, die versprechen, in wenigen Tagen Klarheit zu schaffen. Wichtig dabei ist jedoch, anzuerkennen, dass jedes Vorgehen und jede Methode für einen ganz konkreten Kontext entworfen wurde. Nur wenn Use Case, Team und Rahmenbedingungen stimmig sind, entfaltet sie ihre volle Kraft. Gucken wir also auf den Use Case, den das Sprint Buch damals bearbeitet hat.
Jake Knapps Design Sprint ist dann genial, wenn …
- … ein interdisziplinäres Team gemeinsam ein Produkt-Wertversprechen erdenkt
- … wir rasch allererste Prototypen bauen und am Nutzer testen wollen
- … wir vor allem das (neue) Wertversprechen selbst testen wollen
Um ein konkretes Was + Wie für ein Produkt zu finden, schlägt Jake Knapps erster Bestseller von 2016 Folgendes vor:
- Montag: Verstehen & Ziel setzen
- Dienstag: Ideen skizzieren
- Mittwoch: Entscheidung treffen
- Donnerstag: Prototyp bauen
- Freitag: Nutzer testen
So geht es gezielt um das Wertversprechen für die Kunden und die Frage, mit welcher Lösung man dieses erfüllen kann. Der Design Sprint ist also das richtige Werkzeug, um innerhalb von wenigen Tagen einen stimmigen ersten Prototypen für die Umsetzung eines Wertversprechens für eine bestimmte Nutzergruppe zu entwickeln.
Der Design Sprint hat damals den Kern der Arbeit mit Design Thinking in ein 1-Wochen Format gesteckt und es damit auch Nicht-Experten der Methode ermöglicht, methodisch erfolgreich zu arbeiten.
Fazit: eine tolle Kochanleitung, um sehr schnell Optionen auf dieser Ebene zu testen und ein gemeinsames Bild dessen zu entwickeln, was man für die eigene Organisation umsetzen möchte.
Der „Missing Link“
Der Design Sprint blendet ganz bewusst die Organisation aus. So bleibt er universell anwendbar. Aus der strategischen Perspektive eines Unternehmens is er dann hervorragend einsetzbar, wenn man folgende Einschränkungen gut benennen kann:
- Kundensegment
- Geografische Einschränkung
Das sind Einschränkungen, die wir zur Definition des Spielfeldes nutzen. Wenn wir nämlich nicht wissen, auf welchem Spielfeld wir spielen wollen, können wir den Design Sprint nicht sinnvoll einsetzen (ein Problem übrigens, das endemisch ist im Innovationsbereich). Genau hier kommt der klassische Design Sprint zu kurz. Jake Knapp hat nach unserer Kritik 2019 nachgezogen und diese Lücke nun gefüllt. 😉

Foundation Sprint: Einen Schritt höher ansetzen
Der Foundation Sprint greift eine Etage darüber an: Er hilft vor dem Design Sprint, ein neues Spielfeld zu definieren. Denn erst wenn wir wissen, in welchem Markt, mit welchen Rahmenbedingungen und welcher Differenzierung wir spielen, kann ein Design Sprint sauber ansetzen.
- Ziel: Eine Founding Hypothesis, die beschreibt, auf welchem Spielfeld wir unsere Idee validieren wollen.
- Dauer: Zwei Tage (Workshops inklusive Priorisierung, Entscheidung & Hypothesen-Formulierung).
- Ergebnis: Ein klar formulierter „Plan A“, auf dessen Basis anschließend Design‑, Build- oder Experiment‑Sprints starten.
So verankert der Foundation Sprint direkt das Hexagon‑Feld Spielfeld mit der Definition von Zielmarkt, Umfeld und kritischen Rahmenbedingungen. Super. Und sehr wichtig. Ein guter Grund, sich auf das Buch zu freuen.

Was kommt am Ende des Foundation Sprints raus?
Gucken wir uns für die Einordnung zum Schluss nochmal das Ergebnis an. Am Ende des Foundation Sprints steht die “Foundation Hypothesis”. Hier sieht man schon gut: Es geht um etwas Neues.

Ist der Foundation Sprint also ein Strategie-Werkzeug?
Ganz klares Ja. Der Foundation Sprint kombiniert den Business Model Canvas und den Lean Startup Canvas in einem Workshop-Format – toll aufbereitet und auf das Wesentliche verdichtet. Er passt daher super, wenn man ein neues Start-Up (oder Spin-off) gründen möchte.
Besonderes Highlight, was das Buch besonders macht, ist die Art und Weise, wie nach einer Differenzierung im Markt gesucht wird. Das ist einer der – auch aus unserer Sicht – wichtigsten Aspekte. Knapp unterstützt den Prozess durch eine Liste typischer Differenzierungs-Merkmale, die man dann visuell durchprobiert.
Mein zweites Highlight ist die Art und Weise, wie die Herangehensweise an die Lösung facilitiert wird. Hier werden über verschiedene 2×2 Matrizen unterschiedliche Perspektiven angelegt, um dann im Team eine gute Diskussion führen zu können. Das ist visual Facilitation, wie ich sie toll finde!
Fehlt da was? Oder warum Kontext so wichtig ist
Bevor wir mit dem Foundation Sprint loslegen, müssen wir nochmal auf den Kontext und die Beteiligten schauen. Jake Knapp kommt aus einem Umfeld, das stark “startup-getrieben” ist. Das heißt, für ein (internes) Gründungsteam funktioniert der Foundation Sprint wunderbar.
Viele Leser arbeiten aber vermutlich in einer Organisation. Dort heißt „Spielfeld“ oft: Integration von Geschäftsbereich, Ökosystem oder Partnernetzwerk. Hier braucht es mehr Stakeholder‑Alignment als in einem fünfköpfigen Start‑up. Hier sind die Grenzen dessen, was erlaubt ist, oft nicht so einfach zu ziehen (können aber natürlich durch uns geschickt erweitert werden).
Aus unserer Sicht ist die Passung zur Organisation DAS entscheidende Erfolgskriterium.
Passt das, was wir vorhaben zu unserer Organisation? Zu der Identität des Unternehmens, zu der aktuellen Strategie? Hier sollten wir vorher ein bisschen Gehirnschmalz investieren, um die Rahmenbedingungen des Foundation Sprints klar zu ziehen. Ist das geschafft, haben wir hier ein tolles Template für einen 2-Tages Workshop.

Abb.: Der Foundation Sprint aus Click blendet den Purpose/ Zweck der eigenen Organisation, und die aktuell vorhandenen Kompetenzen des eigenen Unternehmens aus. Kann man machen, aber dies sind natürlich sehr wichtige Rahmenbedingungen.
Der Dark Horse Pro-Tipp? Einbetten in die Organisation!
Unser Tipp: Seid ihr Mitglied einer Organisation, dann verlängert den Foundation Sprint um zwei halbe Tage und schafft euch z.B. mithilfe des Hexagons gemeinsame Klarheit über die strategischen Rahmenbedingungen eures Unternehmens. Stellt dem Foundation Sprint sowas wie diesen 4h-Ablauf voran:
- Im Hexagon
- Was ist die Identität unserer Organisation? Wie “innovativ” darf unser neues Angebot für die Kunden sein?
- Was sind die Spielfelder, auf denen wir aktiv sind? Wie schafft das den strategischen Rahmen für unsere Initiative?
- Was sind die Kern-Wertversprechen, die unsere Organisation bisher für seine Kunden bereitstellt? Wo gibt es Anknüpfungspunkte? Wo Potential für Neues?
- Was sind unsere Kern-Kompetenzen? Haben wir schon einen “unfair advantage” gegenüber dem Wettbewerb? Wie grenzt das unseren Spielraum ein?
- Was für Management-Systeme haben wir? Welche Art von Initiative können sie verarbeiten? Was sind die Grenzen? Wie sehr können wir Abteilungsübergreifend wirksam sein?
- Was sind die wichtigsten kulturellen Werte und Eigenschaften unserer Organisation? Inwieweit stellen diese eine Rahmenbedingung für unseren möglichen Initiativen?
- Umwelt des Hexagons
- Welche offensichtlichen Einflüsse, Trends und Veränderungen der Welt haben einen maßgeblichen Einfluss auf unsere Wertschöpfung?
- Hat sich das Verhalten und die Bedürfnisse unserer Kunden verändert? Welche Signale nehmen wir wahr?
- Wie differenzieren wir uns bisher vom Wettbewerb? Laufen wir Gefahr, substituiert zu werden?
- Wie ist der Kompetenzen-Match zu unseren Zulieferern? Welche Teile unserer Value Chain werden sich wie entwickeln? Was machen wir selbst? Was kaufen wir ein?
- Was erwarten unsere Shareholder? Welchen Einfluss kann eine Initiative von uns hier nehmen?
Dann macht ihr den Foundation Sprint. Und zum Abschluss wird das nochmal gerahmt, wieder durch eine 4h Session:
- Im Hexagon
- Erklärt eurer Organisation den Zusammenhang (Zweck): Warum tun wir das überhaupt? Welchen Beitrag leistet die Lösung, die ihr im Foundation Sprint entwickelt habt, zur übergeordneten Vision und Identität der Organisation? Das Hexagon fordert uns, die Sinnhaftigkeit jedes Projekts an der Unternehmens-DNA zu spiegeln.
- Kultur: Jede Organisation hat ihre eigene Art, wie Zusammenarbeit funktioniert, wie Entscheidungen getroffen werden. Diese kulturellen Eigenheiten beeinflussen maßgeblich, wie offen oder blockierend neue Spielfelder betreten werden können. Das Hexagon zwingt uns, diese Dynamik frühzeitig mitzudenken. Wie passt Eure Initiative dazu? Was sagt das darüber aus, welche Rahmenbedingungen/ Freiheiten ihr in der Umsetzung benötigt?
- Struktur: Gibt es die richtigen Ressourcen, Entscheidungswege und Verantwortlichkeiten, um das neue Spielfeld wirklich zu bespielen? Vielleicht braucht es Anpassungen, bevor ihr das Projekt nach dem Foundation Sprint überhaupt starten kann. Das Hexagon deckt diese strukturellen Voraussetzungen auf.
- Kompetenz: Haben wir die Fähigkeiten, die das neue Spielfeld erfordert? Oder müssen wir gezielt Kompetenzen aufbauen oder einkaufen? Auch das wird im Hexagon sichtbar und sorgt dafür, dass Sprints kein Strohfeuer bleiben, sondern nachhaltig wirken.
- Spielfeld & Wertversprechen: Wie ordnet sich das neue Spielfeld und Wertversprechen im Kontext der bereits bestehenden des Unternehmens ein? Wie wird aus einem einzelnen Angebot ein Portfolio?
- Umwelt des Hexagons
- Wie löst eure Lösung aus dem Foundation Sprint eine Herausforderung, die dem Unternehmen bevorsteht hinsichtlich…
- ….der Einflüsse, Trends und Veränderungen der Welt, die einen maßgeblichen Einfluss auf unsere Wertschöpfung haben?
- …eines veränderten Kundenverhaltens und neuer Kundenbedürfnisse?
- Wie ist der Kompetenzen-Match zu unseren Zulieferern? Was davon machen wir selbst? Wie wollen wir in die Umsetzung kommen?
- Wie kann die Initiative den langfristigen finanziellen Erfolg unserer Organisation sicherstellen?
- Wie löst eure Lösung aus dem Foundation Sprint eine Herausforderung, die dem Unternehmen bevorsteht hinsichtlich…

Fazit: Sprints aus dem Kochbuch = DIY
Best Practices sind nie „Plug‑and‑Play“, sondern Werkzeuge in einem größeren methodischen Baukasten.
- Design Sprint: Perfekt, um ein Wertversprechen am Markt zu testen.
- Foundation Sprint: Ideal, um das Spielfeld überhaupt erst zu definieren.
Bevor du „blind“ loslegst: Kläre deinen Kontext. Dann hol dir erfahrene Facilitator·innen ins Boot – und nutze beide Sprints als Bausteine in deinem strategischen Toolkit, verankert im Dark Horse Strategie Hexagon.
Auch das Hexagon ist kein Kochbuch, sondern ein strategisches Betriebssystem. Es sorgt dafür, dass Sprints nicht als isolierte Formate verwendet werden, sondern stets im Einklang mit dem großen Ganzen stehen: der Identität, Struktur und Kompetenz der Organisation. Es hilft, die Passung zwischen neuen Ideen und der Organisation messbar und gestaltbar zu machen – und das ist der entscheidende Unterschied zum reinen Methoden-Toolkit eines Foundation Sprints.
