Wir brauchen mehr Räume, um Zukunft zu entwerfen

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tldr: Eine funktionierende Demokratie ist nicht nur das Herzstück unserer individuellen Freiheit. Sie ist auch der einzige Rahmen, innerhalb dessen wir gemeinsam an einer besseren Zukunft arbeiten können. Deshalb brauchen sowohl unsere Demokratie als auch unsere Zukunft gerade jetzt einen handlungsfähigen Staat. Der entsteht aber nicht über Nacht, sondern will erst erdacht, dann erbaut werden. Deshalb schauen wir heute gleichermaßen auf die Zukunft der Verwaltung und die Parlamente der Zukunft. 

Die Verwaltung in der Zukunftskrise

Die öffentliche Verwaltung ist das Interface zwischen Bürger:innen und Staat. Sie setzt politische Entscheidungen und Gesetze in die Praxis um. Der Staat wird also in der Verwaltung erlebbar. Und was erlebt man dort? Eine Vielzahl systemischer Herausforderungen:

  1. Eine Mehrheit der Bürger:innen gibt an, dass der Staat ihr Leben nicht erleichtert.1
  2. Neun von zehn Unternehmen fühlen sich durch Bürokratie gehemmt.2
  3. Fachkräftemangel, Überalterung und Sparzwang führen zu Überlastung der Mitarbeitenden.
  4. Künstliche Intelligenz ermöglicht enorme Effizienzgewinne, gleichzeitig hat die Rechenschaftspflicht in Verwaltungsprozessen enorm zugenommen.3
  5. Rechtsextreme Einstellungen gewinnen politisch und gesellschaftlich hinzu, bei gleichzeitig steigender Instabilität von Demokratien weltweit.4

Diese Probleme können nicht isoliert betrachtet werden. Sie sind von vielschichtiger Unsicherheit gekennzeichnet, sie sind komplex, interdependent, multikausal und je nach Perspektive unterschiedlich interpretierbar. 

Wie kommt man da wieder raus? Wie kann es gelingen, diese Schnittstelle, an der sich Staat und Bürger:in begegnen, als gemeinsamen Handschlag neu zu gestalten?

Die Transformation der Verwaltung braucht Mut und Vision

Am 01. Oktober 2025 hat das Bundeskabinett einen wichtigen Schritt gemacht: Mit der Modernisierungsagenda für Staat und Verwaltung legt das BMDS einen Plan vor, wie der Staat die Entscheidungen, Prozesse und Strukturen der öffentlichen Verwaltung modernisieren will. Die Agenda umfasst fünf Handlungsfelder für einen leistungsfähigen Staat: Spürbarer Bürokratierückbau, bessere Rechtsetzung, Bürger- und unternehmenszentrierter Service, zukunftsgerichtetes Personal und strategisch ausgerichtetes Personalmanagement.

So will das BMDS „einen Staat schaffen, der schnell, digital und handlungsfähig ist, zügig entscheidet, verlässlicher liefert und dadurch das Vertrauen stärkt.“ 

So weit, so löblich. Diese ehrgeizigen Ziele nach mehr Zusammenarbeit, mehr digitaler Innovation und strategischer Vorausschau unterschreiben wir schon einmal ganz grundsätzlich in unserer Rolle als Transformationsdesigner. Entsprechen sie doch ganz grundsätzlich unseren drei Prinzipien für eine erfolgreiche Zukunftsgestaltung: 

  • Design, als Fähigkeit der Zukunft eine Form zu geben.
  • Kollaboration, als Fähigkeit, in wechselnden Konstellationen und komplexen Bedürfnislagen zusammenzuarbeiten.
  • Systemisches Denken, als Form der Beobachtung, die es erlaubt, die hochkomplexen Wechselwirkungen von Systemen in ihrer Gesamtheit zu untersuchen. 

Trotzdem wird die Zukunft der Demokratie nicht nur in der Verwaltung geschrieben. Damit überhaupt neue Rahmenbedingungen entstehen können, braucht es dedizierte Orte, an denen über Zukunft, Demokratie, Staat und Gesellschaft gesprochen werden kann. 

Zukunft und Demokratie brauchen eigene Begegnungsräume

Ein gutes Beispiel für diese Praxis kommt aus Finnland. Im dortigen Parlament Eduskunta, tagt seit den 90er Jahren das Committee for the Future. Der ständige Ausschuss hat zur Aufgabe, langfristige Trends und gesellschaftliche Veränderungen zu untersuchen. Mit seiner Arbeit berät er die Regierung in langfristigen Zukunftsfragen, damit Politik nicht nur auf die nächsten vier Jahre schaut, sondern auf Jahrzehnte. 

Der Ausschuss – auf finnisch Tulevaisuusvaliokunta – schaut sich systematisch neue Technologien an, führt partizipative Verfahren durch und analysiert den Zukunftsbericht, den die finnische Regierung regelmäßig vorlegen muss. Durch seine Rolle als Vermittler fungiert er im finnischen System als Brücke zwischen wissenschaftlicher Zukunftsforschung, Ministerien, Zivilgesellschaft und den eigentlichen politischen Entscheidungen im Parlament. Das Zusammenspiel sieht vereinfacht so aus:

  1. Die Regierung entwickelt Szenarien und Zukunftsberichte.
  2. Das Committee for the Future prüft, strukturiert und debattiert diese, teilweise mit Bürger:innenbeteiligung.
  3. Das Parlament beruft sich auf diese Einschätzungen, z.B. bei der Gesetzgebung oder bei Haushaltsentscheidungen

Das Committee for the Future zeigt, wie weit man gehen kann, wenn ein Parlament die Zukunft nicht nur debattiert, sondern institutionell verankert– als festen Bestandteil demokratischer Entscheidungsprozesse. Mittlerweile sind auch andere Parlamente dem finnischen Vorbild gefolgt und haben parlamentarische Zukunftsausschüsse gegründet, u.a. Österreich, Island, Litauen, Brasilien, Chile, Uruguay und die Philippinen. 

Unser Beitrag: Designing Public Governance

Ob Zukunftsausschüsse, wirkungsorientierte Steuerung oder neue Wege im Personalmanagement – überall zeigt sich: Transformation beginnt dort, wo Menschen nicht nur die Politik, sondern auch Verwaltung als Gestaltungsaufgabe verstehen. Auch wir wollen dieser Gestaltung mehr Aufmerksamkeit schenken. 

Deshalb haben wir den Dark Horse Academy-Kurs „Designing Public Governance“ ins Leben gerufen. Dort beschäftigen wir uns mit der Frage, wie man die öffentliche Verwaltung so transformiert, dass sie diesen Aufgaben Rechnung tragen kann. Gemeinsam mit der Demokratieforscherin Dr. Nina-Kathrin Wienkoop stellen wir dafür wegweisende Beispiele und hilfreiche Methoden vor. Gemeinsam hinterfragen wir gemeinsam Routinen, entwerfen Zukunftsbilder, die über Ressortgrenzen hinaus wirken und gestalten das, was sein könnte:

  • wie man mittels Design Futuring mögliche Zukünfte für die Verwaltung gestaltbar und erlebbar macht
  • wie man Verwaltung systemisch und missionsorientiert denkt
  • wie man adaptive Strategien entwickelt, die Wandel nicht fürchten
  • wie Co-Creation zu Vertrauen, Wirkung und Innovation führt

Statt Rück- und Abbau konzentrieren wir uns auf den Aufbau: den Aufbau von Gestaltungskraft und strategische Vorausschau für ein wünschenswertes Morgen. Hello Future!

–> Mehr zu Designing Public Governance

  1. D21, eGovernment-MONITOR 2024, S. 6. ↩︎
  2. IHK-Konjunkturumfrage, Sonderauswertung Frühjahr 2024 ↩︎
  3. Van de Walle, S. (2011). „New Public Management: Restoring the Public Trust through Creating Distrust?“. In: Christensen, T. & Lægreid, P. (Hrsg.), The Ashgate Research Companion to New Public Management. ↩︎
  4. Zick/Mokros (2023): Die distanzierte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2022/23, Friedrich-Ebert-Stiftung, S. 71. ↩︎

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