Können wir mit KI Zeit sparen oder werden wir mehr arbeiten?

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TL;DR: Spart uns die KI langfristig Zeit oder verdichtet sie sie – zu noch mehr Arbeit? Greta und Fried unterhalten sich über Heilsversprechen und Realität, tauschen Erfahrungen aus und fragen sich, welchen Platz wir Menschen in der Arbeit der Zukunft haben werden.

“Zwei Tage Arbeit, drei Tage Hängematte“, hieß es einmal bei Dark Horse in der Anfangszeit vor fünfzehn Jahren. Das klang plakativ, war aber nicht auf Sand gebaut: Damals arbeiteten viele von uns zwei Tage pro Woche in Workshops und Projekten, um sich eine 5‑Tage‑Woche zu finanzieren. Währenddessen diskutierten wir viel darüber, wie wir arbeiten wollen; also wo eigentlich, wie lang und wofür überhaupt?

Fünfzehn Jahre später sind diese Fragen hochaktuell. Wir hören sie bei Markus Lanz und lesen sie in den Schlagzeilen von FAZ und taz. Nur die Umstände haben sich etwas geändert. Der Ton ist rauer geworden und mit der KI sitzt ein neuer Player am Tisch, der die Spielregeln des Arbeitens gehörig umkrempelt. Grund genug für unsere Arbeitsprofis Greta und Fried, sich mal wieder etwas Zeit für einen kleinen Zoom-Out zu nehmen. In einem gemeinsamen Plausch tauschen die beiden Erfahrungen aus und fragen sich: Spart uns die KI langfristig Zeit? Oder kreiert sie noch mehr Arbeit? Und wo bleibt der Mensch in diesem ganzen Zirkus? 

Wenn wir ehrlich sind, sind weder die Fragen neu, noch der technologische Scheideweg, an dem wir stehen. Und wie so oft hilft uns beim Spekulieren über die Zukunft auch dieses Mal ein Blick in die Geschichte.

Arbeiten wir mehr als im Mittelalter?

In einer Liste der romantischsten Epochen würde das Mittelalter wahrscheinlich einen der hinteren Plätze belegen. Bei aller Nostalgie für vergangene Zeiten hält sich unsere Sehnsucht nach dem Lifestyle eines mittelalterlichen Stallburschen eher in Grenzen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Dabei sah die Lage, zumindest in Sachen Arbeit, gar nicht so düster aus.

Tatsächlich waren die Arbeitszeiten im Mittelalter nach heutigen Standards recht normal. Ein mittelalterlicher Bauer im 13. Jahrhundert arbeitete etwa 1.620 Stunden pro Jahr, schreibt die Historikerin Juliet B. Schor in ihrem Buch The Overworked American. Feiertage gab es zudem reichlich, bis zu 80 im Jahr, inklusive Sonntage.

“Die Geschwindigkeit war langsam, das Arbeitstempo entspannt”, sagt die Schor über das Mittelalter, und stellt fest: “Der mittelalterliche Bauer oder Handwerker arbeitete sogar weniger als wir heutzutage”, womit sie die USA meint. 

Dafür sorgten unter anderem auch die Zünfte. Sie kontrollierten Löhne und Preise, sorgten für die Versorgung von Witwen, Kranken und Alten und verhinderten Überarbeitung, nicht nur zum Qualitätserhalt, sondern auch zum Schutz der Handwerker. 

Jahresarbeitszeit im Vergleich: Mittelalter vs. heute
Eigene Darstellung. Quellen:
Juliet B. Schor (1991):The Overworked American: The Unexpected Decline of Leisure.
OECD (2019): Average annual hours actually worked per worker.


Dieser Groove änderte sich mit der Industrialisierung. James Watts’ Dampfmaschine revolutionierte Ende des 18. Jahrhunderts im Zeitraffer den Bergbau und das gesamte englische Handwerk. Es entstanden Fabriken mit Maschinen, die hundertmal schneller und präziser arbeiteten als der beste Schneidermeister und in derselben Zeit ein Vielfaches an Output liefern konnten. 

Durch diesen Technologiewandel wurden große Mengen menschlicher Arbeitskraft, die vorher gebunden war, schlagartig frei. Anstatt diese Zeit aber selbstbestimmt zu nutzen, arbeiteten die Menschen plötzlich mehr. Also viel mehr. 

Zwischen 1830 und 1860 erreichte die durchschnittliche Wochenarbeitszeit ihren Höchststand mit 80-85 Stunden. Was war passiert?

Technologischer Fortschritt trifft auf Deregulierung

Produktinnovationen hatten jahrtausendealte Arbeitsprozesse über Nacht auf den Kopf gestellt. Im Zentrum des Betriebs stand nun nicht mehr der Arbeiter, sondern die Maschine, denn die brauchte weder Schlaf noch Pause. Solange es jemanden gab, der sie bediente, erzielte sie unermüdlich Rendite. Kleinteilige technische Prozesse ermöglichten eine rasche Skalierung und neue Formen der Arbeitsteilung: geboren war der Schichtarbeiter. 

Während der mittelalterliche Arbeitstag vom natürlichen Rhythmus von Sonne und Mensch begrenzt wurde, diktierten die means of production ein konstantes Marschtempo. 

Dass die freigewordene Zeit mit mehr Arbeit gefüllt wurde, hing auch mit der laissez-fairen Wirtschaftspolitik der Zeit zusammen, die stark von den Interessen der Fabrikbesitzer geleitet wurde. Sowohl in England als auch in Preußen weidete man sich am schnellen Wachstum entfesselter Märkte. Mit Adam Smiths “Reichtum der Nationen” entstand zur gleichen Zeit eine moralische Rechtfertigung für die Deregulierung (wenn man Smith nur richtig missverstand), die in ganz Europa aufmerksam gelesen wurde. 

An deutschen Universitäten wurde das Buch schnell zum Standardwerk und die freundliche Rezeption führte in Preußen unter anderem zur Auflösung der Zünfte. Mit ihnen verschwand das letzte Korrektiv der Vormoderne. Die Folge waren 12 bis 16 Stunden Arbeit pro Tag, sechs Tage die Woche, ohne Unfallversicherung oder Haftung der Arbeitgeber, auch für Kinder. Für die Fabrikbesitzer erwies sich der freie Markt als lukrative Machtverschiebung zu ihren Gunsten; für die arbeitende Mehrheit vermehrten sich vor allem Armut, Überforderung und Gesundheitsprobleme. 

„Die drastische Verlängerung der Arbeitszeit zeigt überdeutlich die sozialen Folgen ungebremster ökonomischer Interessendurchsetzung“, erklärt Historiker Michael Schneider im Interview mit dem Stern.

Aber hätte es wirklich so kommen müssen? Nein, nicht, wenn der Staat seine Bürgerinnen und Bürger besser geschützt hätte. Ob Erdöl, Elektrizität, Computerchips und Internet: Seit der ersten Welle der Industrialisierung wurden Wirtschaft und Arbeit von vielen technologischen Innovationen grundlegend verändert. Nicht jede davon führte zu einem Anstieg der Arbeitszeit. Das erste Gesetz zum Achtstundentag kam in der Weimarer Republik etwa zur selben Zeit, in der das Telefonnetz ausgebaut wurde.

Heute stehen wir am Anfang der vierten industriellen Revolution: Im Zentrum der Entwicklung steht die KI, bereit, die Welt zu verändern wie damals die Dampfmaschine. Aber wohin soll die Reise gehen?

Das neue Heilsversprechen: KI spart Zeit

„Am Ende ist es eine Illusion, dass wir damit Zeit sparen.” – „Wir werden die Zeit mit mehr Arbeit füllen, das ist mir völlig bewusst.“

– Fried & Greta

Glaubt man den Erfindern und Treibern der Technologie, spart uns die KI erst einmal Zeit. So lautet ein Versprechen der Produktvorstellung von Microsofts KI-Assistenten Copilot im März 2023:

Copilot in Outlook helps you clear your inbox in minutes, not hours. 

Dank KI endlich wieder Zeit für die wichtigen Dinge im Leben zu haben, ist die Message.

To reconnect to the soul of our work, we don’t just need a better way of doing the same things. We need a whole new way to work, heißt es im Intro des Artikels. Das klingt erstmal so, als würden wir das unterschreiben, New Work und so, ihr erinnert euch.

Aber wie gut übersetzt sich dieser Pathos in den Arbeitsalltag? Nutzen wir die freigewordene Zeit für Dinge, für die uns sonst die Zeit fehlt, wie z.B. Care-Arbeit, Ehrenämter, Beziehungspflege, etwas, das uns als Menschen oder die Gesellschaft als Ganzes voranbringt? Oder verdichten wir den Arbeitsalltag durch noch mehr Arbeit? 

Eine Antwort kommt vom Microsoft-CEO Satya Nadella selbst, der durch KI eine “new wave of productivity growth” prophezeit. Wer schneller arbeitet, hat also mehr Zeit für – tada – noch mehr Arbeit. 

Das wir das erstmal so hinnehmen, liegt auch daran, wie wir als Gesellschaft auf den Sinn von Arbeit schauen. 

Während KI uns Zeit sparen soll, fordert die Politik längere Arbeitszeiten

Die Deutschen lieben es, über Arbeit zu diskutieren. Auch die Frage nach der idealen Arbeitszeit erlebt hier schon seit einigen Jahren eine Renaissance, allerdings mit einigen Plot Twists. Während in den letzten Jahren viel über Work-Life-Balance und 4-Tage-Woche als erstrebenswerte Konzepte diskutiert wurde, dominieren aktuell die Gegenstimmen. 


Mehr, nicht weniger arbeiten müssten wir, um unseren Wohlstand zu sichern, so der Tenor. Dabei wissen wir, dass lange Arbeitszeiten mit Burnout, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Produktivitätsverlust einhergehen. Auch, dass Work-Life-Balance nicht nur individuelles Wohlbefinden steigert, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes stärker macht, ist bekannt. Eigentlich.

Der Mehrheit der Bevölkerung missfällt der versteckte Vorwurf der Faulheit, das zeigt sich auch in den Umfragewerten für den Bundeskanzler. Aber ist das Unbehagen groß genug, wenn sich technologische Machbarkeit durch politischen Willen gestützt entfesselt, wie damals in der Industrialisierung?

Das hängt davon ab, ob es uns gelingt, unsere Bedürfnisse in der Öffentlichkeit zu diskutieren und die Diskussion am Laufen zu halten. Wir müssen weiterhin darüber reden, warum wir arbeiten und wofür. Gerade jetzt, wo wir unsere Arbeit auf absehbare Zeit mit den Maschinen teilen werden. Es braucht eine tiefgreifende Neuklärung der Frage: Wofür ist der Mensch bei der Arbeit gut?

Was wir als Organisationen, als Individuen und als Gesellschaft tun können

Die Geschichte lehrt uns: Technologie allein entscheidet nicht, wie viel oder wenig wir arbeiten. Die Dampfmaschine hätte die Menschen befreien können, stattdessen brachte sie uns die 80-Stunden-Woche. Heute stehen wir wieder an einem ähnlichen Punkt. Ob wir am Ende mehr Zeit für die Arbeit oder für die Hängematte haben, und ob wir diese Frage selbst entscheiden können, hängt davon ab, wie wir uns verhalten: als Organisationen, als Individuen und als Gesellschaft als Ganzes. 

Organisationen: Resilienz, Future Skills, Lernstrukturen

Für viele Organisationen wird Resilienz eines der großen neuen Themen werden müssen – damit man “gesund bleibt, sane bleibt bei der Arbeit“, wie Greta sagt. Im fortschreitenden 21. Jahrhundert bedeutet resilient sein, mit vielen Veränderungen umgehen zu können, ohne dabei kaputt zu gehen. Das umfasst auch, Komplexität aushalten zu können.

Wer nur auf Effizienz und Prozessoptimierung schaut, während sich die Welt drumherum in tektonischem Ausmaß verschiebt, riskiert mittelfristig den Ausfall seiner besten Leute. Wenn Unternehmen in Zukunft handlungsfähig bleiben wollen, sollten sie sich überlegen, die durch KI eingesparte Zeit zu nutzen, um Resilienz und Komplexitätskompetenz als strategische Kernkompetenzen zu verankern. 

Ohnehin braucht es eine ehrliche Evaluation, welche Kompetenzen in Zukunft noch relevant sein werden. Unternehmen tun gut daran, diese Future Skills in der Belegschaft gezielt zu fördern. Dafür braucht es permanente Lernstrukturen, die ein Lernen auf individueller Ebene ermöglichen und den Wissenstransfer auf organisationaler Ebene sicherstellen – lernen statt arbeiten, das wäre doch schon mal eine Abbiegung in die richtige Richtung. Vorne mitspielen werden diejenigen, die kontinuierliches Experimentieren als Organisationsprinzip verinnerlichen und leben. 

Für Organisationen im KI-Zeitalter stellt sich also die Frage: Wie bauen wir eine Architektur, in der sich Menschen gut bewegen, entscheiden und testen können – KI-gestützt statt KI-ersetzt?

Wir wissen mittlerweile, dass es sich auch bei der KI-Adoption in Organisationen lohnt, in partizipativen Schleifen zu arbeiten: Hypothesen bilden, Experimente aufsetzen, lernen, verwerfen oder verstetigen. Dieses Mindset-Vermächtnis aus dem Design Thinking erlaubt es uns, Führungskräfte und Mitarbeitende gleichermaßen in den großen Wandel einzubeziehen und so schnell etwas Tragfähiges auf die Beine zu stellen. 

Individuen: Wie wir selbst resilient werden

Auch unser Job verändert sich. Wissensarbeitende werden durch die KI in einer neuen Rolle als Führungskraft gefordert. Ihr Arbeitsfokus wird sich viel stärker vom Konzipieren und Kreieren zum Delegieren und Bewerten verschieben. Diese Skills unterscheiden sich erst einmal von denen eines Designers, Texters, Projektmanagers, Analysten oder Entwicklers. Sie sind aber notwendig, um im Tag Team mit der KI auch gute Ergebnisse erarbeiten zu können. Das Gute daran ist: Jede:r von uns kann sie lernen.

Ein mentaler Winner dafür ist die Falkenmethode. Sie beschreibt die Fähigkeit des schnellen Wechselns zwischen zwischen Strategie und Operative. „Dieses Rein- und Rauszoomen ist unglaublich anstrengend“, sagt Fried. Aber wir können unser Gehirn darauf trainieren. Je häufiger wir den Wechsel mitmachen, desto geübter werden wir aber darin und desto weniger Energie raubt uns der Prozess. 

Gleichzeitig gilt: Nicht alles optimieren! Routinen sind unglaublich wichtig für uns Menschen. KI übernimmt jetzt schon viele unserer täglichen Arbeiten, wie E-Mails zusammenfassen, Meetings nachbereiten oder Recherchearbeiten. Viele dieser Routinen werden aber zum Anker in der Veränderung und geben uns Halt: Das morgendliche Inbox-Checken beim Kaffee, der Podcast zur Mittagspause, das Abhaken der To-Do-Liste zum Feierabend. Wir sollten nicht blind alles automatisieren, was automatisierbar ist, sondern bewusst entscheiden: Was hilft mir, resilient zu bleiben und was hilft mir wirklich bei der Arbeit?

Außerdem müssen wir lernen, auf unseren Körper zu hören. Er ist der blinde Fleck der Wissensarbeit. Die findet zwar im Kopf statt, doch den Verschleiß spüren wir überall. „Wir durchleben alle Emotionen, während wir einfach nur vor dem Rechner sitzen. Der Körper bewegt sich nicht, aber wir haben Stresshormone“, sagt Greta. Es ist also wichtig, körperliche Signale ernstzunehmen. Erschöpfung, Anspannung und Unruhe sind kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Appell an unsere Selbstfürsorge. 

Formen der Regeneration gibt es viele. Jeder Mensch hat andere Wege, den Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Physische Erfahrungen – etwas bauen, kochen, im Garten arbeiten – sind gerade für Laptop-Arbeitende erstaunlich wirksam. 

Gesellschaft: Neue Glaubenssätze für eine neue Wirtschaft

Am Ende können alle diese Strategien aber nur in einem größeren systemischen Rahmen zum Tragen kommen. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens, was Arbeit ist und wem sie zugutekommen soll. Dazu müssen wir auch eingefleischte Glaubenssätze über Leistung infrage stellen. Zur Zeit dominieren die lauten Stimmen, die fordern, wir müssten mehr arbeiten, um unseren Wohlstand zu sichern. Die Frage ist: Welchen Wohlstand meinen wir? Und für wen? Was heißt eigentlich „Leistung muss sich lohnen“? Brauchen wir wirklich mehr Netto vom Brutto oder vielleicht generell eine andere Verteilungsstruktur, wenn immer mehr Maschinen für uns arbeiten? Wie definieren wir gesellschaftlichen Fortschritt? Und wie eine gesunde Gesellschaft? Welche Art von Wirtschaft brauchen wir dafür? Und wo sehen wir uns selbst in diesem Potpourri?

Diese Fragen zu stellen, ist unsere Aufgabe. Um wirklich etwas zu verändern, braucht es starke Institutionen und mutige politische Initiativen, die Lehren aus der Vergangenheit ziehen und den Menschen und die Gesellschaft in den Mittelpunkt stellen. 

„Ich wünschte, ich wüsste, was meine Rolle sein kann für ein neues Wirtschaften – nicht nur New Work, sondern New Wirtschaften, New Gesellschaft, New Miteinander“, sagt Greta am Ende des Gesprächs mit Fried. Das ist die größere Transformation, die ansteht: herauszufinden, wie wir besser wirtschaften, besser zusammenleben. KI ist dabei nicht nur eine technologische Frage, sondern eine gesellschaftliche, die uns zwingt, über Leistung, Werte und Sinn neu nachzudenken.

Was sind deine Future Skills?

In der Dark Horse Future Skill Survey kannst du herausfinden, wo deine Stärken und Potenziale liegen. Am Ende bekommst du dein persönliches Zukunftsprofil.

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