Die betriebliche Klimavorsorge – weil Klimaschutz Teamsport ist.

tl;dr Noch sind viele unternehmerische Geschäftsmodelle Hauptverursacher von Emissionen weltweit. Doch hinter Unternehmen und Geschäftsmodellen stecken Menschen – die wiederum Geschäftsmodelle ändern können: von fossilen Praktiken hin zu klimaneutralem Wirtschaften.

Die betriebliche Klimavorsorge ist ein erster Anstoß für diese Veränderung in Unternehmen, um erstens als Belegschaft gemeinschaftlich klimaneutral zu werden und zweitens als Unternehmen die eigenen Geschäftsmodelle in eine nachhaltige Zukunft zu transformieren.

Illustration: www.graphicrecording.cool


Wer sich von euch mit Klimaschutz beschäftigt und der eigenen misslichen Rolle darin, der kommt unweigerlich an dem Punkt, an dem man an der eigenen Bedeutungslosigkeit verzweifelt. 

Bedeutungslos im Sinne: Was macht es fürs Klima für einen Unterschied, wenn ich auf Ökostrom umstelle? Auf Fleisch verzichte? Keine Einweg-Strohhalme mehr benutze? Ok, letztere sind mittlerweile eh schwer zu bekommen…

Was machen meine schnöden 11 Tonnen durchschnittliche CO2-Emissionen im Vergleich zu den 36.400.000.000 Tonnen da draußen in der Welt? Vielleicht mit etwas mehr Farbe gesprochen: Was juckt es die Sanddüne, wenn ein Sandkorn den Aufstand probt? 

Für alle Sympathisant*innen dieser Gefühlslage sei gesagt: Nun ja, sagen wir es mal ganz platt provokant, ihr seid einer Werbeagentur auf den Leim gegangen. Wusstet ihr, dass der „persönliche CO2-Fußabdruck“ eine Erfindung von BP war (genau genommen von deren Werbeagentur)? Ziel des Ganzen war es, die Verantwortung der CO2-Emissionen auf das Individuum umzuwälzen. Clever, oder? Übrigens sahen die Erfindungen der Werbebranche 1962 noch so aus:

Auf die Frage, was die größten Umweltprobleme unserer Zeit sind, antwortete Gus Speth (ein sehr bekannter amerikanischer Umwelt-Aktivist) einst: Es ist nicht Biodiversität, nicht der Kollaps unserer Ökosysteme und nicht der Klimawandel. 

Die größten Umweltprobleme sind Selbstsucht, Habgier und Teilnahmslosigkeit. (Quelle).


Gegen die Teilnahmslosigkeit & für mehr Selbstwirksamkeit

Gegen dieses Problem der Teilnahmslosigkeit haben wir was! Aus der erfundenen Ausweglosigkeit der individuellen Bedeutungslosigkeit kommen wir recht einfach wieder heraus: Wenn wir das Problem wieder zurück zum Ursprung spielen, es auf Unternehmens-Ebene angehen – gemeinschaftlich, nicht individuell. Nimm dies, Sanddüne!

Dürfen wir deswegen vorstellen: unser Konzept der betrieblichen Klimavorsorge. Ein Konzept, das ganz bewusst Organisationen anspricht und keine Privatmenschen. Weil Klimaschutz Teamsport ist und keine Alleinunterhaltersache.


Was ist die betriebliche Klimavorsorge?

Mit der betrieblichen Klimavorsorge können Mitarbeitende ihren eigenen privaten CO2 Fußabdruck über ihre Organisation kompensieren. Ähnlich der betrieblichen Altersvorsorge teilen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Kosten dafür (standardmäßig zu je 50 Prozent). 

Die Kompensation erfolgt durch die Förderung von emissionsvermeidenden (z.B. alternative Energiequellen wie Wind oder Solarkocher) oder emissionsschluckenenden Projekten (z.B. Aufforstung). Bei unserem Umsetzungspartner Clime werden z.B. diese Projekte gefördert.


Warum ergibt die betriebliche Klimavorsorge Sinn?

Zuerst einmal die naheliegenden, rationalen Vorteile: 

  • Arbeitnehmer*innen profitieren davon, die Kompensation vom Bruttolohn zu bezahlen
  • Arbeitgeber*innen können im Employer Branding punkten und von steuerlichen Vorteilen profitieren
  • Unser Planet bekommt mehr Budget für regenerative Projekte

Die eigentliche Idee der betrieblichen Klimavorsorge ist aber nochmal eine andere: 

  • Durch die betriebliche Klimavorsorge kann eine ganz Belegschaft zusammen kompensieren. Idealerweise zusammen mit der Organisation selbst. Alle an einem Strang ziehen und so. Und plötzlich sind es nicht mehr irrelevante 11 Tonnen Emissionen, über die wir sprechen. Das werden schnell sehr relevante Zahlen. Da fühlt man sich direkt wieder etwas wirkmächtiger, genau was die BPs dieser Welt so erfolgreich vermieden haben.
  • Die betriebliche Klimavorsorge ist ein trojanisches Pferd (und ja, wir stehen auf trojanische Pferde). Die engagierte Organisation kann es bei sich einführen, um ihre Mitarbeitenden zu motivieren, noch mehr fürs Klima zu tun. ODER: Der oder die engagierte Mitarbeitende kann ihre Organisation dazu drängen, die Klimavorsorge für sich einzuführen (denn das Konzept funktioniert schon bei n=1, qua Design). Und wenn das schon mal eingeführt ist, können die anderen Mitarbeitenden gleich mit aufspringen, oder?
  • Die betriebliche Klimavorsorge soll ein Nudge werden für mehr Aufmerksamkeit im Unternehmen, sich mit Klimaschutz und dem eigenen Geschäftsmodell auseinander zu setzen. Denn wir glauben fest daran, dass Nachhaltigkeit in Zukunft ein strategischer Imperativ wird. Um es mal wieder ganz platt provokant zu formulieren: Welche Organisation das heute nicht erkennt, hat morgen kaum noch Arbeitsplätze anzubieten.  

Ausbaustufe Klima-Positivität

An anderer Stelle hatten wir mal erwähnt, dass Klimaneutralität schön und gut, aber eben nicht das Ende der Fahnenstange sein kann. Wir müssen klimapositiv werden und so auch die betriebliche Klimavorsorge.

Deswegen gibt es bei der betrieblichen Klimavosorge noch eine Ausbaustufe: In unserem Fall verdoppeln wir das Kompensationsbudget, wieder aufgeteilt zwischen Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen, jeweils wieder mit den rationalen Vorteilen. Klimaschutz ist ja Teamsport.

Der Clou bei dem aufgedoppelten Budget ist aber: Es bietet die Möglichkeit, Klimakompensation mal anders zu denken. Nämlich lokaler und zirkulärer.

Warum ist das so?

Fluch und Segen der Kompensation sind zertifizierte Projekte, die CO2 vermeiden oder aus der Atmosphäre holen. Project Drawdown hat dafür eine recht überraschende Preis-Leistungs-TOP100-Liste zusammengestellt, welche Maßnahmen die effizientesten fürs Klima sind. Segen der Zertifizierung dabei ist, dass Externe überprüfen, dass alles mit rechten Dingen zugeht (alles andere als vorauszusetzen). Fluch sind die Zertifizierungen deswegen, weil sie sehr aufwendig sind und deshalb insbesondere kleine, lokale Projekte gerne mal den Sinn und Zweck anzweifeln.

Durch die Klimapositivität können aber solche Projekte nun auch unterstützt werden, ohne dass offizielle Zertifikate mehr nötig werden (die braucht man ja nur, um die Klimaneutralität „beweisen zu können“). Genau hinschauen sollte man natürlich trotzdem…

Was heißt das konkret?  

Bei Dark Horse und anderen aktiven Berliner Unternehmen versuchen wir das gerade mit Benedikt Bösel aufzubauen. Benedikt ist Brandenburger Bio-Bauer, und zwar einer der regenerativen Art. Er betreibt Humusaufbau, Agroforst-Landwirtschaft, Umbau von Monokultur-Wäldern und noch so einiges Interessantes mehr. Warum also nicht das Kompensationsbudget nutzen, um mit ihm lokale Projekte zu starten oder fortzuführen, die man dann auch mal anschauen kann (so ein Teamtag-Ausflug wäre doch was?). 

In der Verhaltensforschung sind ja Feedbackschleifen groß geschrieben und genau diese fehlte uns bislang: Kompensationsprojekte selber erleben, um sich selbst nochmal bewusst zu machen, warum und wofür man das alles tut. So ein Projekt in Indien oder Brasilien (unsere bisherigen Kompensationsprojekte) ist dann leider schon sehr weit weg. Aus den Augen, aus dem Sinn. 


Wie startet man mit der betrieblichen Klimavorsorge?

Als Mitarbeitende*r ist das recht einfach: Einfach mit der eigenen Organisation/Chef*in sprechen und überzeugen, Zusatzvereinbarung zum Arbeitsvertrag unterzeichnen (gibts von uns als Open Source zur freien Verfügung) und mit einem Umsetzungspartner eurer Wahl umsetzen. Disclaimer: Wir machen das mit Clime.


Wie kann ich aktiv werden?

Wir haben ein paar Materialien zusammengetragen, die dir vielleicht helfen können, ins Machen zu kommen und Mitstreiter*innen in der eigenen Organisation zu finden:

* Ein „Pitch Deck“ zum Konzept könnt ihr hier herunterladen (oder auf englisch hier). Sowas braucht man ja immer mal zum Verschicken per Email und so 🙂
* Es gibt von unserem Umsetzungspartner Clime ebenfalls ein paar Seiten Gedrucktes zum Informieren und Weiterleiten.
* Die Zusatzvereinbarung zum Arbeitsvertrag wurde von unserer Anwaltskanzlei verfasst und stellen wir hier kostenfrei zur Verfügung (ohne Gewähr natürlich).

Wer noch konkrete Fragen hat, kann sich bei Fried von Dark Horse (f.grossedunker at thedarkhorse.de) oder Lennart von Clime (lennart at clime.de) melden – wir helfen gerne weiter!


1 Kommentare

  1. Pingback: Warum Nachhaltigkeit zum strategischen Imperativ wird - Dark Horse Blog

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