Kompliziert oder schon komplex? Hier hilft der Merkmalsgraph

tldr: In unserem Alltagssprech nutzen wir „kompliziert“ und „komplex“ oft synonym. Dabei hat jedes Wort ganz andere Implikationen auf unsere Arbeit. Wie treffe ich Entscheidungen? Welche Methoden nutze ich? Wie arbeite ich im Team? Der Merkmalsgraph ist ein einfacher Weg, um Situationen schnell einzuordnen.

Wie unterscheidet sich komplex von kompliziert?

Hier gibt es jede Menge Modelle und Definitionen. Die für uns pragmatischste ist das Cynefin-Framework von Dave Snowden. Der große Unterschied ist, dass ich in komplizierten Situationen noch (lineare) Kausalitäten kenne (oder Experten kenne, die diese Kausalitäten kennen). In komplexen Situationen kenne ich diese Kausalitäten nicht und – noch schlimmer – habe sogar Kausalitäten, die nicht-linear sind und Rückkopplungsschleifen bilden.

Warum ist der Unterschied wichtig?

Je nachdem, ob ich in komplexen oder komplizierten Situationen bin, sollte ich mich anders verhalten:

  • In komplizierten Situationen startet man am besten mit Sense, also der Informationssammlung. Es gilt, so viele Informationen wie möglich zu gewinnen, und diese zu analysieren. Erst dann agiere ich, da ich durch meine Recherche eine Form von Good Practice bei anderen Expert*innen gefunden habe.
  • Im komplexen Situationen muss ich annehmen, dass ich mich in einer neuen Situation befinde. Mit Good Practice kann ich nicht rechnent. Deswegen startet man am besten mit Probe, dem Ausprobieren und Experimentieren, um Emerging Practices zu finden – im Prozess entstehende Lösungen, die in der Situation helfen.

Ist es denn so wichtig, den Unterschied zu kennen?

Die kurze Antwort: Ja! Die jeweiligen Methoden können in dem anderen Kontext nämlich viel Schaden anrichten:

  • In komplexen Situationen mit Sense zu starten, führt typischerweise in die Analyse-Paralyse: Ich begebe mich auf die Suche nach einer Good Practice, die es am Ende gar nicht gibt. Man verschwendet also viel Zeit für eine überbordende Recherchephase oder fühlt sich durch die Masse an Informationen wie gelähmt.
  • In komplizierten Situationen mit Experimenten zu starten, führt wiederum dazu, dass man viel Zeit und Ressourcen verschwendet, wo es doch schon Erfahrungen und Methoden gibt, wie man gut bestimmte Situationen lösen kann. Es besteht die Gefahr, das Rad neu zu erfinden.

Wie erkenne ich den Unterschied?

In der Praxis ist es sehr nützlich, schnell zu erkennen, ob man es mit komplizierten oder komplexen Situationen zu tun hat. Dafür wurde der „Merkmalsgraph“ entwickelt, angelehnt an Dietrich Dörner (z.B. Die Logik des Misslingens). Komplexität wird anhand von 5 Merkmalen beschrieben:

  1. Umfang: Dieses Merkmal beschreibt die Anzahl und die Vielfalt der Elemente innerhalb des zu lösenden Problems bzw. des damit assoziierten Systems. Je größer die Anzahl und je höher die Vielfalt, desto komplexer das Verhalten.
  2.  Vernetztheit: Dieses Merkmal beschreibt die Beeinflussung bzw. Abhängigkeiten der Elemente. Elemente in einem komplexen System stehen in ständiger Wechselwirkung und sind oft stärker voneinander abhängig, als es auf den ersten Blick scheint. Jeder Eingriff – so gut gemeint er auch ist – hat Neben- und Fernwirkungen und verändert immer das Gesamtsystem, nicht nur den Teil, an dem wir direkt „herumschrauben“.
  3. (Eigen-)Dynamik: Ein System bleibt nie stehen – es besitzt eine Eigendynamik und verändert sich auch ohne unser Zutun. Deshalb lohnt sich der Blick auf den aktuellen Stand und die erkennbaren Entwicklungstendenzen: Wohin bewegt sich das System gerade? Gleichzeitig wirkt Zeitdruck von außen wie ein zusätzlicher Verstärker oder Störfaktor, der diese Dynamik beeinflusst und Entscheidungen im Inneren des Systems beschleunigen, verzerren oder blockieren kann.
  4. Sozialer Kontext: Sobald Menschen im Spiel sind, wird jedes Problem automatisch komplexer. Das liegt nicht daran, dass wir „irrational“ sind, sondern psychologisch handeln: Wir treffen Entscheidungen mit Gefühlen, Vorannahmen und Abkürzungen im Kopf. Dazu kommen Fehleranfälligkeit, Unkontrollierbarkeit, persönliche Befindlichkeiten und all die kleinen Eigenheiten, die man nicht planen kann – aber immer mitdenken sollte.
  5. Intransparenz: Dieses Merkmal ist das Königsmerkmal, das alle anderen Merkmale beeinflusst. Nicht alles, was wir für die Lösung eines Problems gern wüssten, ist tatsächlich sichtbar oder erfassbar. Es gibt blinde Flecken, fehlende Daten und Dynamiken unter der Oberfläche. Diese Unsicherheit wirkt direkt auf alle anderen Merkmale des Systems: Sie beeinflusst, wie wir Zusammenhänge einschätzen, welche Hebel wir wählen – und wie sicher wir uns überhaupt fühlen, wenn wir Entscheidungen treffen.

Diese 5 Merkmale sind im Merkmalsgraph visuell dargestellt und lassen sich jeweils auf einer Skala von 0 – 100% Ausprägung einordnen – wobei die Ausprägung mit Absicht individuell interpretiert wird.

Wie nutze ich den Merkmalsgraph?

Den Graphen kann man individuell oder im Team nutzen:

  • Alleine: Bevor man sich in die Aktion stürzt und ein Problem lösen möchte, kann man kurz die 5 Merkmale für sich selbst einschätzen. In der Selbstreflexion wird meist schnell deutlich: bin ich noch in einer komplizierten Situation oder ist es schon komplex? Dementsprechend kann ich mein Handeln und meine Methodenwahl anpassen.
  • Im Team: Im Team lässt sich der Merkmalsgraph ebenso sinnvoll einsetzen. Im ersten Schritt füllt jede*r den Graphen aus (wie oben beschrieben). Danach werden die Ergebnisse im Team geteilt. Schätzen wir die Situation ähnlich ein? Unterschiede sind normal, können aber auf unterschiedliche Informationsstände im Team hinweisen. Ein gemeinsames Austauschen über die Ergebnisse und darüber, welche Methoden entsprechend sinnvoll wären, helfen enorm, die Prozess-Sicherheit im Team zu erhöhen und gemeinsam Handlungsmaximen für die jeweilige Situation festzulegen.

Was ist zu beachten?

Komplexität und damit auch der Merkmalsgraph ist immer eine individuelle Einschätzung – es gibt schlicht keine objektive Wahrheit. Der Merkmalsgraph deckt genau diese individuellen Unterschiede auf. Sie sollten in der Diskussion dann aber auch entsprechend aufgenommen werden: als unterschiedliche Wahrheiten, von denen jede ihre Berechtigung hat. Es gibt kein Richtig oder Falsch, aber es gibt Unterschiede – und die kann man produktiv nutzen.

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