Unsere Gesellschaft steckt in einer Vertrauenskrise. Systemic Design kann uns Auswege zeigen.

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Strategieexpertin Nadja Bauer rezensiert Aladin El-Mafaalanis Buch „Misstrauensgemeinschaften“ und erklärt, wie Systemic Design helfen kann, die Ursachen der gesellschaftlichen Vertrauenskrise besser zu verstehen, Handlungen abzuleiten und zu erproben.

Rechtsextrem zu wählen wird wieder mehrheitsfähiger, Rechtspopulismus ist schon längst salonfähig, Populismus generell. Und natürlich tun wir gut daran, dagegenzuhalten: auf der Straße, in Behörden, in Schulen, an Küchentischen. Aber je länger ich mich mit den Themen Transformation und Komplexität beschäftige, desto unruhiger macht mich der Gedanke: Wir bekämpfen vor allem das, was sichtbar ist. Und das Sichtbare ist selten das Eigentliche.

Über und unter der Wasserlinie

In der systemischen Arbeit benutzen wir oft das Eisbergmodell als Denkhilfe. Über der Wasserlinie liegt das beobachtbare Ereignis. Das kann ein Wahlergebnis sein, eine empörte Kommentarspalte oder eine Demo. Direkt darunter und nicht gleich offensichtlich liegen die Muster: zum Beispiel Wahlergebnisse, die sich über Jahre in eine Richtung verschieben. Noch tiefer liegen die Strukturen, die diese Muster erzeugen. Und ganz unten die mentalen Modelle. Das, was Menschen über die Welt, über „die da oben“, über Institutionen glauben. Zum Beispiel: „Politikern kann man nicht vertrauen, weil sie nur ihre eigenen Interessen verfolgen.“ Oder: „Ich kann ja sowieso nichts ausrichten in diesem System.“

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Wenn wir nur an der Spitze arbeiten, behandeln wir Symptome. Rechtpopulismus ist eines davon, auch wenn es zugegebenermaßen in sich schon als ein komplexes System betrachtet werden kann. Worauf es aber verweist, liegt unter der Wasserlinie: eine tiefgreifende Vertrauenskrise. Die Frage muss also lauten: Wie kann ich die vorhandenen Glaubenssätze ändern? Welche Strukturen und Maßnahmen brauchen wir dafür? Das Buch Misstrauensgemeinschaften des Soziologen Aladin El-Mafaalani war für mich ein Game-Changer im Verstehen dieser Zusammenhänge und der Perspektive auf mögliche Lösungsansätze, die uns nicht weiter entfernen, sondern hoffentlich wieder mehr zusammen bringen.

Was Vertrauen eigentlich ist

Aladin El-Mafaalani knüpft in „Misstrauensgemeinschaften“ (2025) an einen Gedanken an, den Niklas Luhmann schon 1968 formuliert hat: Vertrauen ist kein nettes Extra, sondern die Voraussetzung dafür, überhaupt handlungsfähig zu sein. Sie basiert, so El-Mafaalani, auf Erwartungen und einem gewissen Maß an Freiwilligkeit. Diese Erwartungen sind an die Zukunft gerichtet, wirken aber in der Gegenwart handlungsleitend. In einer hochkomplexen, funktional ausdifferenzierten Gesellschaft kann niemand mehr selbst überblicken, ob das Trinkwasser sicher, die Statik des Hauses geprüft oder die Verkehrsregelung wirklich sicher ist. Vertrauen ist der Mechanismus, mit dem wir diese Komplexität handhabbar machen, ohne sie auflösen zu können.

Im Kleinen funktioniert das noch erstaunlich gut. So geben wir Nachbar:innen zum Beispiel den Wohnungsschlüssel, wenn wir im Urlaub sind. Brüchig wird es dort, wo es am meisten gebraucht wird: gegenüber Institutionen, Medien, Wissenschaft, Politik.

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Wie Misstrauen handlungsleitend wird

Ein starke Herausarbeitung im Buch ist aus meiner Perspektive: Misstrauen wird zu einer Art funktionales Äquivalent, denn auch wer misstraut, wird handlungsfähig, obwohl eigentlich das Umgekehrte der Fall ist, denn es braucht trotzdem jemanden, dem man vertraut. Und da liegt der Kipppunkt. Man vertraut nicht mehr aufgrund von Kompetenz oder Erfahrung, sondern allein aufgrund des geteilten Misstrauens. So entstehen Misstrauensgemeinschaften. Das sind Gruppen, die sich nicht mehr über ein gemeinsames Ziel verbinden, sondern über eine gemeinsame Ablehnung. Sie verstärken sich selbst, begünstigt durch soziale Medien und finden Heimaten in sogenannten alternativen Angeboten und populistischen oder verschwörungsideologischen Bewegungen. Fakten gelten als Manipulation, Widerspruch als Angriff.

Wichtig ist mir El-Mafaalanis Unterscheidung, die in der öffentlichen Debatte oft untergeht:

  • Funktionales Misstrauen ist gesund und sogar demokratiestärkend. Es kontrolliert Macht, befeuert Opposition, hält Gewaltenteilung lebendig. Ohne Skepsis keine Korrektur von Missständen.
  • Normatives Misstrauen stellt grundsätzlich alles infrage, verstärkt sich selbst und kann ganze Systeme destabilisieren.

Diese Unterscheidung ist kein akademisches Detail. Sie zeigt aber, woran wir eigentlich arbeiten sollten.

Keine Lösungen, aber Korridore

El-Mafaalani gibt bewusst keine fertigen Rezepte vor, sondern Lösungskorridore:

Nicht das normative, sondern das funktionale Misstrauen adressieren. Auf das laute, normative Misstrauen richtet sich fast alle Aufmerksamkeit. Dabei ist es am schwersten zu erreichen. Das leisere, funktionale Misstrauen ist viel besser zu bearbeiten. Hier liegt der eigentliche Hebel.

Anders mit Komplexität und Risiko umgehen. Wachsende Komplexität und damit auch Unsicherheit lassen sich nicht vermeiden. Wir brauchen einen reiferen Umgang damit. Das ist eine echte Herausforderung gerade für eine alternde Gesellschaft, die lange vermeintliche Gewissheiten hatte.

Kinder und Jugendliche ernst nehmen. Mit altersgerechten Beteiligungsformaten. Für sie ist der neue Ausnahmezustand längst Normalzustand. Und sie sind die Zukunft.

Mehr politische Teilhabe, aber differenziert. Mehr Beteiligung, wie Bürger:innenräte. Aber nicht jede Stimme wiegt in jedem Bereich gleich viel, etwa dort, wo es um Kompetenz oder Qualitätsstandards geht.

Positive Zukunftsvorstellungen. Wer eine erstrebenswerte Zukunft denken kann, gewinnt positive Erwartungen. Das bietet einen inneren Kompass. Misstrauen wächst auch dort, wo Zukunft nur noch als Bedrohung erscheint.

Realistischere Erwartungen statt vermeintlicher Sicherheiten. Erwartungen, die Unsicherheit mitdenken, sind robuster und risikobewusster als solche, die sich in Sicherheit wiegen. Auch wenn sie die Komplexität nicht wirklich reduzieren.

Permanente, transparente Dialogprozesse statt punktueller Kommunikation. Und die Fähigkeit, Emotionen, Meinungen und fachliche Expertise sauber auseinanderzuhalten.

Und schließlich: Auch der Staat muss Vertrauen zeigen. Keine ausufernden Berichts- und Nachweispflichten, dafür konsequentere Sanktionen bei echten Regelverstößen. Die Frage nach gesellschaftlichem Vertrauen hängt eng an der Handlungsfähigkeit staatlicher Institutionen und an einem Staat, der oft komplexer und verrechtlichter erscheint, als er sein müsste.

Wo Systemic Design ansetzt

Die Lektüre hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. Also habe ich versucht das aus meiner Beratungspraxis heraus weiter zu denken – bei Anerkennung aller Komplexität. Bei Dark Horse habe ich viel mit Systemic Design gearbeitet. Das ist ein Ansatz zur Untersuchung und Lösung komplexer Herausforderungen, wie El-Mafaalani sie beschreibt. Wichtig ist mir dabei eine Vorbemerkung: Eine gesellschaftliche Vertrauenskrise „löst“ man nicht mit einem Werkzeugkasten. Das wäre genau der Lösungsoptimismus, den El-Mafaalani bewusst vermeidet. Was Systemic Design aber leisten kann, ist diese Fragen vielleicht besser bearbeitbar zu machen.

Vier Werkzeuge aus diesem Ansatz möchte ich gedanklich auf diese Vertrauensfrage übertragen.

Im Systemic Design beginnen wir zunächst damit, Ziele und Fokus für eine Systemexploration festzulegen. Dabei hilft die Methode System Boundaries. Denn wer mit komplexen Systemen arbeitet, kann sich schnell überfordern. Deshalb legen wir einen Systemfokus mit Bereichen, Elementen, Akteuren fest, die für besonders relevant erachtet werden. Wir definieren, welche Elemente und Einflussfaktoren innerhalb und außerhalb des Systems liegen, die wir in Betracht ziehen wollen.

Die Gesellschaft als Ganzes ist wahrscheinlich kein Gegenstand, an dem man sich gut abarbeiten kann. Sie ist zu groß, um handlungsfähig zu werden. Aber beispielsweise die Bereiche Medien oder Verwaltung wären ein bearbeitbarer Ausschnitt. El-Mafaalanis Makro-Diagnose wird also anschlussfähiger, wenn ich sie auf Teilsysteme herunterbrechen. Die Systemgrenzen sind nicht fix. Sie können und sollten während des Prozesses überprüft und angepasst werden, falls neue Erkenntnisse auftauchen oder sich die Ziele ändern.

Um in der Systemanalyse zwischen Ursachen und Effekten zu unterscheiden hilft uns der Problem Tree oder Problembaum. Rechtspopulismus wäre im Kontext der Vertrauenskrise zum Beispiel eher ein Effekt, der uns geradewegs wieder an die Spitze des Eisbergs führt. Und der Baum macht noch etwas sichtbar: funktionales und normatives Misstrauen haben unterschiedliche Wurzeln. Beides in einen Topf zu werfen, wäre ein Fehler, wie auch El-Mafaalani schreibt.

System Maps oder Systemkarten sind das Herzstück von Systemic Design. Es geht darum, die Komplexität, in der wir uns befinden, zu visualisieren. Und das machen wir am besten partizipativ, unter Hinzunahme verschiedener Perspektiven auf das System. Darin liegt die eigentliche Kraft der Methode. System Maps machen kausale Zusammenhänge und Dynamiken sichtbar wie sich selbst verstärkende Schleifen, Wechselwirkungen und unintendierte Nebenwirkungen. Vor allem machen sie dies alles besser gemeinsam besprechbar. So zum Beispiel auch der Aspekt der Misstrauensgemeinschaft als sich selbstverstärkende Schleife. Ein weiterer Vorteil von System Maps ist, dass man durch die Visualisierungsarbeit sehr gut Hebelpunkte identifizieren kann, die einen großen Einfluss auf das System haben und damit Ansatzpunkte für Maßnahmen ermöglichen.

In diesem Video werden Visualisierungstechniken vorgestellt (englisch):

Quelle: Systems Innovations Network, Youtube

Die Interventions- oder Maßnahmenplanung gestalten wir zunächst prototypisch, um schnell aus ihnen lernen zu können und über mehrere Ebenen hinweg. Das beinhaltet eine Systemebene mit den Kategorien Regelwerk/Leitlinien, Kompetenzen und Narrative/Kommunikation sowie die Ebene menschlicher Bedürfnisse.

Vertrauen entsteht nicht durch eine einzelne Kampagne, sondern wenn diese Ebenen gut ineinandergreifen. Hier ist allerdings auch Ehrlichkeit gefragt: Mehrere von El-Mafaalanis Korridoren sind letztendlich politische und normative Entscheidungen, auch wenn wir mit Design-Methoden gute Vorschläge entwickeln können. Eine System Map entscheidet keinen Wertkonflikt. Was sie aber kann, ist, ihn raus aus der Diffusion auf den Tisch zu holen. Insofern würde ich mir mehr Kreativität in den Arbeitsmethoden auch in den forderen Reihen des politischen Parketts wünschen.

Was ich mitnehme

Wir stecken in einer gesellschaftlichen Vertrauenskrise. Systemic Design liefert kein Patentrezept, aber eine Haltung und Handwerkszeug, um unter die Wasseroberfläche zu schauen, Komplexität handhabbarer zu machen, verschiedene Perspektiven einzubeziehen und dabei Lösungen zu entwickeln. Und, Misstrauen ist ein Systemsignal, das wir bearbeiten müssen.

Wo seht ihr funktionales Misstrauen, das produktiv genutzt werden könnte? Und was sind für euch Hebel? Welche Ansätze haltet ihr für sinnvoll komplexe gesellschaftlichen Herausforderungen zu bearbeiten? Ich freue mich über eure Perspektiven.

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